„Whitney und ich“

>>Als ich um die Ecke bog, hinter der sich die Messehalle erhob, verlor ich glatt die Lust am Ereignis: Tausende drängten sich auf dem riesigen Betonplatz und auf den Treppen vor den Eingängen. Wahrscheinlich würde es eine Stunde dauern, bis ich in die Halle gelangt wäre. Ein kühler Wind pfiff, und fast bedauerte ich es, 80 Mark für die Eintrittskarte ausgegeben zu haben. Hinter mir spuckte die Straßenbahn eine neue Welle von Ankömmlingen aus, schon hatte mich das große, vielarmige Wesen aufgegriffen, und ich steckte mitten drin. Irgendwann wußte ich nicht mehr, was schlimmer war: der ekelhafte Oktoberwind oder die schiebenden und wogenden Menschenmassen, die ihn manchmal von mir fernhielten. Vor mir die Blonde, die immer ihr Haar zurückwarf, so daß ich es mehr als einmal im Mund hatte. Auf der rechten Seite der Typ mit dem Döner und links schließlich „8×4“. Es ging millimeterweise voran.

Hinter mir begann jemand leise zu singen. Mit dunkler Stimme reihten sich Töne aneinander und langsam, bekam ich es zusammen: „I wanna dance with somebody, with somebody who loves me.“ Eigentlich macht sie es genau richtig, dachte ich bei mir, ich hätte mir ja schließlich denken können, daß ich nicht die einzige bin, die zu einem Whitney-Houston-Konzert geht. Warum also konnte ich mich nicht einfach darauf freuen?

Ich spürte nun schon eine Weile diese Blicke in meinem Nacken, aber Umdrehen war unmöglich. Die Sängerin summte weiter und schien unmittelbar hinter mir zu sein, denn ich fühlte, wie ihre Atemzüge meine Härchen am Hals aufstellten. Nein, es war mir nicht unangenehm. Auch nicht, als ich die Wölbung ihrer Brüste in meinem Rücken spürte. Freilich, es ging hier mächtig eng zu, aber so eng? Und ob! Jetzt wurde mir warm. Ich drehte ein klein wenig den Kopf zur Seite, aber ich konnte nur ein wenig rötliches Haar erkennen, als ihre noch immer dunkle Stimme raunte: „Nicht umdrehen!“ Gleichzeitig schob sie ihren rechten Arm nach vorn und umfing meine Hüfte. Sie begann, ihren Unterleib gegen meinen Hintern zu pressen. Mir blieb die Luft weg. Ich konnte ihren Venushügel genau an meinen Pobacken spüren. Kreisend und bebend rieb sie sich an mir! Dabei schlich die Menge lachend, rufend und schwitzend vorwörts. Sie sang wieder. „Step by step …“ und bei „Yeah!“ wurde ich feucht im Schritt. Knallrot im Gesicht außerdem. Warum merkte keiner was? Verstellten die sich alle nur?

Da lockerte sie die Umklammerung mit einem tiefen Seufzer, und ich seufzte auch, denn im Nu schob sich Herbstkühle zwischen uns. Aber nur kurz. Die Rothaarige drückte sich an mir vorbei, drehte sich dabei, so daß wir Angesicht in Angesicht voreinander standen. Ich staunte ungläubig in zwei blaue Augen und ein mehr als anzügliches Grinsen. Ungläubig vor allem, weil sie mir ihrer Zunge zwischen die Lippen und ihren Oberschenkel zwischen meine Schenkel drückte.

„Moment mal“, keuchte ich. In diesem Augenblick fiel mein Blick auf die Veranstaltungsplakate, die Frau Houston mit einem breiten Grinsen zeigten, das wohl ein strahlendes Lachen sein sollte. „I’m your baby tonight.“ Rothaars Blicke waren meinen gefolgt, und schon sang sie wieder und begann, sich im Rhythmus zu wiegen. „Yes, I’m your baby tonight“, leckte sie in mein Ohr. Dabei rieb ihr Oberschenkel so heftig gegen meine Klit, daß ich geil aufstöhnte. Mehr und mehr bewegten sich unsere Körper im Gleichklang. Irgendwer starrte mich verblüfft von der Seite an, aber das konnte ich nur noch am Rande registrieren. Jemand, nein, ihre Hand faßte meinen Hosenbund, tastete sich an mein Jeansknopf und – schnapp – öffnete ihn. Nein, das war zu viel! Ich hielt ihre Hand fest und preßte mich mit aller Kraft gegen ihren Oberschenkel. „Das geht doch nicht“, flehte ich in ihr Ohr. Sie lächelte nur und sang „It’s not right but’s okay“. Ich wußte nicht, ob ich lachen oder einfach nur kommen sollte. Aber das konnte ich nicht. „Nicht hier“, krächzte ich kaum hörbar. Da faßte sie nach meiner Hand und zog mich mühsam quer zum Strom der Menschenmassen. Ich bekam schnell mit, daß sie einen Kleintransporter ansteuerte, der nahe der Giebelseite der Veranstaltungs- halle geparkt war. Ich weiß nicht, wie wir so schnell hinter diesen Wagen schlüpfen konnten. Äußerst resolut drückte sie mich gegen die Wand. Wieder hatte ich ihre Zunge in meinem Ohr und ihren Oberschenkel zwischen meinen Beinen. Dann küßten wir uns. Wilde Knutscherei. Jetzt konnte ich sie riechen. Ihr Parfüm und noch etwas anderes, das mich sehr an meinen eigenen, sehr nassen Schritt erinnerte. Ich fuhr ihr unter die Jacke, riß ihr T-Shirt aus ihrer Hose und packte ihre nackten Hüften. Dabei drückte ich mich gegen sie und rieb meine Klit wie wild an ihrem Oberschenkel. Sie griff sich mit einer Hand meinen Arsch und half mir noch, den Druck zu verstärken. Mit der anderen umklammerte sie mein Genick, küßte mich und schob mir ihre Zunge so weit es ging in den Mund. Sie war stark. Ich hatte Lust, ihren Bizeps, ihre Rückenmuskeln zu sehen. Ich schwitzte bei dieser Vorstellung. Sie raunte mir etwas Englisches zu. Scheiß auf Whitney! schoß es mir durch den Kopf. Das war mein vorerst letzter Gedanke, denn irgendwie begann ich zu fallen, irgendetwas stieg an mir hoch und schlug schließlich über mir zusammen.

Sie schaute mir in die Augen und ließ mich los. Plötzlich merkte ich, wie wieder kühlere Luft zwischen uns drang. Sie zog sich ein wenig ihre Sachen zurecht und ging rückwäts aus unserer Deckung. „He, warte“, schrie ich, „lauf doch nicht weg!“ Ich sah, wie sie von den Massen langsam verschluckt wurde. „He, wie heißt du?“ Sie hielt theatralisch eine Hand hinter das Ohr und rief zurück: „Susan? My name ist not Susan.“ „Ach, Babe, hör doch auf. Wo finde ich dich nach dem Konzert?“ „I will find you.“ Damit verschwand sie aus meinem Blickfeld. Das ist aber kein Song von Whitney, dachte ich frustriert, und ließ mich von der Menge in die Konzerthalle spülen.<<

Eine erotische Kurzgeschichte von Martina Weigel (S. 88-91) aus Kay, M., & Müller, A. (Hrsg.). (2000). Schöner kommen. Das Sexbuch für Lesben. Querverlag.

(via)

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