WM’11 Finale

japan weltmeisterinnen
Wer hätte das gedacht? Sollte die Gerechtigkeit im Fußball doch noch siegen? Wer die beste und torgefährlichste Spielerin hervor bringt, die m.M.n. beste Torfrau aufstellt, die wenigsten Fouls begeht und vor allem, den besten und schönsten Fußball spielt ist mehr als verdient FF-Weltmeister 20elf.

1. Akt
Dabei sah es lange Zeit überhaupt nicht danach aus. Das Duell der David-Japanerinnen gegen die Goliath-Amis kannte in der 1. HZ nur eine Richtung. Die Amis hatten sich scheinbar einiges vorgenommen und stürmten in der Anfangsphase wie die Feuerwehr auf das japanische Tor zu. Allen voran die linke Seite mit der über das ganze Turnier starken und patriotischen Rapinoe erarbeite sich Chancen im Minutentakt. Mit viel Glück aber auch einigem Können wehrten sich die Japanerinnen tapfer und kämpften sich im Verlauf der 1. HZ in die Partie. Scheinbar schafften sie es die Nervosität abzulegen und stattdessen ihr bis dahin gefürchtetes Passspiel in der Defensive aufzuziehen. Mit einer eindrucksvollen Gelassenheit gelang es ihnen immer öfter den Ball am eigenen Strafraum zurück zu erobern und sich dann in Weltklasse-Manier spielerisch zu befreien. Sie näherten sich langsam dem Tor von Hope Solo, kamen in der 1. HZ aber lediglich zu einer guten Chance als Ando nach tollem Pass von Ohno nur ein Schüßchen zu Stande brachte.

Ganz anders dagegen die Amis. Weniger durch überlegte Pässe als vielmehr durch kraftvollen Kick’n’Rush Fußball, versuchten sie immer wieder mit hohen Bällen Abby Wambach in der Spitze zu finden. Beinahe gelang Wambach mit einem Lattenknaller in der 29. Minute dann auch die Führung, doch der Ball sprang vor der Torlinie wieder auf und die Japanerinnen konnten mit Ach und Krach klären. So rettete sich Japan nahezu förmlich in die HZ-Pause.

2. Akt
Die 2. HZ schien dann genauso loszugehen wie die erste. Die zur HZ eingewechselte Alex Morgan hätte fast wieder als Jokerin zugeschlagen, traf aber nur den Pfosten. Von da an merkten die Japanerinnen anscheinend, dass an diesem Abend der Titel drin war. So viele Chancen wie die Amis vergaben, konnte es am Ende nur bestraft werden. Immer öfter gelang es ihnen Nadelstiche gegen die amerikanische Abwehr zu setzen und hatten Pech als ein Traumpass von Sawa zu Ohno zu Unrecht wegen Abseits abgepfiffen wurde. Die japanische Stürmerin wäre auf und davon allein auf Hope Solo zugestürmt.

3. Akt
Nichstdestotrotz war dies dann der Auftakt zu einem der spannendsten und dramatischsten Fußballabende der WM-Geschichte. Als Alex Morgan in der 69. Minute doch noch traf, schien der Bann gebrochen. Sollte sich der American Spirit am Ende etwa wieder durchsetzen? Zugegeben, das Tor war mehr als verdient. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass der American Spirit zuvor gegen Brasilien und Frankreich nichts anderes als ein Euphemismus für Schlecht-gespielt-und-doch-gewonnen war. Im Gegensatz dazu standen die Japanerinnen mehr als verdient im Finale. Über das ganze Turnier gesehen war der Ausgleich in der 80. Minute somit nur das Ergebnis der an diesem Abend wiedergekehrten Gerechtigkeit im Fußball – auch wenn er völlig aus dem Nichts kam.

4. Akt
Passend zur Dramatik eines Fußball-WM-Finals ging es also erneut in eine Verlängerung.
Und im Vergleich zu vielen anderen WM’s, war dieses auch eines Finales würdig, bei der ja angeblich die beiden besten Mann- und Damenschaften der Welt aufeinander treffen. Beide Damenschaften versteckten sich nicht und suchten die Entscheidung noch in der Verlängerung. Abermals war es Wambach, die, wie schon gegen Brasilien, in der 104. Minute per Kopf traf und die japanischen Träume scheinbar endgültig zerstörte.

In dieser Nacht sollte es aber wohl nicht sein mit dem American Spirit. Denn sogar diesen erneuten Rückschlag schafften es die Japanerinnen durch unermüdlichen Kampf und Siegeswillen zu verarbeiten. Mit einer unglaublichen Entschlossenheit war es ausgerechnet die Starspielerin und Kapitänin Homare Sawa, die 3 Minuten vor Schluss den Ball elegant mit dem Außenrist/Hacke nach einer Ecke an Hope Solo vorbei bugsierte. Und das bei ihrer fünften und womöglich letzten WM. (Wo war Birgit Prinz bei ihrer 5. WM?) Die pure Willenskraft machte es möglich. Am Ende wurde noch ein letztes mal gezittert als die Amis nach einer Notbremse mit folgendem Platzverweis noch mal zu einem gefährlichen Freistoß kamen.

5. Akt
Doch wie es diese Dramatik von epischem Ausmaß vorgesehen hatte, musste die Entscheidung letzten Endes im 11m-Schießen her. Wer auch immer das 11m-Schießen erfunden hat, sei es noch so grausam oder ungerecht, keine andere sportliche Entscheidung liefert einen derartigen Stoff für HeldInnen wie diese. Einer der wenigen Momente in denen sich EinzelspielerInnen auszeichnen können und es nicht auf den Mann- und Damenschaftsgeist ankommt. Prädestiniert für die hochgehypte Hope Solo, die sich endgültig hätte unsterblich machen können.

Aber ebenso wie ihren Mitspielerinnen (bis auf Wambach) versagten auch ihr die Nerven als sie einen Schuss über ihre rechte Hand rutschen ließ. Die Japanerinnen hingegen bewiesen, wie schon das gesamte Spiel zuvor, auch hier ihre unglaubliche Nervenstärke und so war es die 1,68 m große japanische Torfrau Ayumi Kaihori die Hope Solo mit einer traumhaften Fußabwehr die Show stahl. Den krönenden Abschluss der besten FF-WM aller Zeiten lieferte dann aber Saki Kumagai die mit ihrem entscheidenden 11m den Ball kalt wie flüssigen Stickstoff in den linken Winkel hämmerte als hätte sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht und damit Japan zum WM-Titel schoß. (Etwas, was nur ein paar Minuten später tausende km entfernt vier brasilianischen Nationalspielern nicht mal im Ansatz gelang.)

Epilog
Die Fußball-WM ging also das erste mal überhaupt an ein Land außerhalb Europas oder Amerika (geschlechtsübergreifend – endlich!). Grenzenloser Jubel und maßlose Enttäuschung auf einem Platz vereint. Lediglich auf den Tribünen herrschte überwiegend positive Anerkennung für beide Damenschaften. Mal mehr für die Amis und, im Falle der anwesenden deutschen Prominenz, anscheinend mehr für die Japanerinnen. So freuten sich allen voran Nadine Angerer und Kim Kulig, dass sie nachträglich von sich behaupten können, gegen die späteren Weltmeisterinnen ausgeschieden zu sein, was aber keinesfalls als Schande gesehen werden sollte, denn bereits seit 1999 schied Schland stets gegen den späteren Weltmeister aus (auch hier geschlechtsübergreifend!)

Die anschließende Siegerinnenehrung bewies einmal mehr wie verdient dieser WM-Titel war. Homare Sawa und ihre Damenschaft sahnten alles ab, was man absahnen konnte: die Trophäe für die beste Spielerin des Turniers, der besten Torschützin, den Fair-Play-Pokal und sogar die Trophäe für die beste Torfrau, die an Hope Solo ging, wäre für die japanische Torfrau nicht unverdient gewesen. Doch den wichtigsten Pokal hoben sie sich bis zum Schluss auf. Begleitet von goldenem Konfettiregen und schönen Emirates-Stewardessen (Wahrscheinlich gesponsored vom katarischen Fußballverband als Dank für Herrn Blatter) rissen sie den WM-Pokal in den überdachten Himmel von Frankfurt (Wieso? Es hatte nicht geregnet) und machten viele Menschen auf dieser Welt für wenigstens einen Tag glücklich.

Tops:
Japan: Der beste Beweis, dass Fußball ein Mann- und Damenschaftssport ist wurde an diesem Abend geliefert. Dazu eine asiatische Bescheidenheit die im Laufe des Spiels sogar die Sympathien des überwiegend USA-freundlichen Publikums erobert hat. In der Tat – die Japanerinnen gaben uns „Hope in our Neidmare
Abby Wambach: Trotz der amerikanischen Arroganz im Vorfeld und während des Turniers, war sie die einzige Amerikanerin die im Moment der Niederlage Größe bewies und den Japanerinnen Respekt zollte.
Publikum:
Offensichtlich endlich mal ein fachkundiges Publikum, welches gute Aktionen zu loben wusste und schlechte Aktionen mit Pfiffen beantwortete. Echte Fußballfans statt Eventfamilien. Keine sinnlosen LaOla-Wellen, dazu Pfiffe für die arrogante zweitbeste Torschützin der WM Marta und Sepp Blatter. Auf der anderen Seite jubelnde Anerkennung für die beste Damenschaft des Turniers, trotz Abwesenheit jeglicher deutscher Spielerinnen auf dem Platz.

Flops:
Hope Solo: 2007 verlief enttäuschend für sie als sie beim Ausscheiden der USA auf der Bank saß und später behauptete, mit ihr wäre das nicht passiert. Und auch 2011 nahm sie den Mund etwas zu voll als sie sich bereits als Weltmeisterin wähnte und dann sogar im Moment, als sie zur Heldin werden konnte, versagte. Stattdessen folgte ihrer Arroganz ein bockiges Gehabe bei der Verleihung der Trophäe für die beste Torfrau. Die asiatische Bescheidenheit würde ihr auch mal gut tun.
Schland: Den zu Zuschauerinnen degradierten deutschen Nationalspielerinnen stand die Schadenfreude über das amerikanische Scheitern teilweise arg ins Gesicht geschrieben. Erstaunlich, dass sie für ihr eigenes Scheitern im Viertelfinale 15.000€ pro Kopf + ein Villeroy & Boch Kaffeeservice erhielten, während sich die Japanerinnen trotz WM-Sieg mit umgerechnet 13.000€ begnügen müssen.

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Eine Antwort zu WM’11 Finale

  1. lorapops schreibt:

    i totally agree. nur die „japanische/ asiatische Bescheidenheit“ ist mir dann doch etwas zu viel… penna ey.

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